Formulare entrümpeln für Datenminimierung

Bisher ein gewohntes Bild: Wer im Internet einen Vertrag abschließt oder Formulare ausfüllt, ganz gleich, ob für die Buchung einer Dienstleistung oder um ein Unternehmen zu kontaktieren, stößt gleich zu Beginn der auszufüllenden Felder auf die Auswahl des Geschlechts, meist in Form der Anrede „Herr“ oder „Frau“.

Der europäische Gerichtshof (EuGH) hat jedoch entschieden, dass bei digitalen Vertragsabschlüssen weder Geschlecht noch Titel abgefragt werden dürfen. Grund hierfür ist, dass diese Daten erhoben werden, ohne dass es notwendig ist, sie zu kennen. Tradition oder Sprachgewohnheit stellen keine hinreichenden Gründe dar, dass Nutzende „Herr“ oder „Frau“ verpflichtend auswählen müssen.

Die DSGVO fordert Datenminimierung. Somit dürfen nur Daten erhoben werden, die auch wirklich benötigt werden. In den meisten Fällen trifft dies nicht auf die Anrede zu. Das entsprechende Feld sollte deshalb optional auszufüllen sein oder ganz weggelassen werden. In Ausnahmefällen, in denen das Geschlecht relevant ist, etwa gegenüber der Krankenkasse, wenn es um geschlechtsspezifische Behandlungen geht, trifft dies natürlich nicht zu.

Für Unternehmen bedeutet das, dass sie die Formulare, die verwendet werden, daraufhin, ob eine Abfrage der Anrede notwendig ist, kontrollieren und gegebenenfalls anpassen sollten. Insbesondere Online-Shops, Plattformen, CRM-Systeme oder Buchungstools sind hiervon betroffen.

Es sollte auch bedacht werden, dass Formularänderungen Auswirkungen auf Daten-Synchronisation, automatisierter Ansprache oder E-Mail-Textbausteine mit sich bringen kann. Nutzen Sie deshalb Platzhalter, geschlechtsneutrale Sprache und flexible Systeme, um Probleme zu vermeiden.

Was ist zu beachten?

  • Anrede-Feld nur freiwillig anbieten – nie als Pflicht.
  • Freitext zulassen oder bei festen Auswahlfeldern um „Keine Angabe“ und „Divers“ ergänzen.
  • Bedingte Platzhalter nutzen: Ist das Feld leer, erzeugt das System automatisch eine neutrale Anrede; bei Eingabe greift die gewohnte Formulierung („Sehr geehrter Herr … / Sehr geehrte Frau …“).
  • Grundsätzlich neutrale Ansprachen bevorzugen, z. B. „Guten Tag“, „Hallo“, „Sehr geehrte Person“ oder „Liebe Kundschaft“.
  • Alle Textbausteine, Formulare und Vorlagen DSGVO-konform aktualisieren – inklusive Templates für E-Mails, PDFs und Seriendrucke.

Neben dem Aufwand, den der Handlungsbedarf mit sich bringt, bietet die Veränderung jedoch auch Vorteile für Unternehmen. Wer seine Formulare überarbeitet und die Ansprache der Betroffenen anpasst, leistet einen Beitrag zur Inklusion und stärkt das Unternehmensimage. Zudem erhöhen schlankere Formulare die Nutzerfreundlichkeit.

Anlass für das Verfahren vor dem EuGH war die Eingabe des französischen Antidiskriminierungsvereins „Mousse“. Er beanstandete, dass Reisende bei SNCF-Onlinebuchungen verpflichtend „Herr“ oder „Frau“ angeben mussten und bekam schlussendlich Recht.

Was bedeutet das praktisch für digitale Formulare von Unternehmen?

  1. Bestandsaufnahme & Feldkatalog
    Erstellen Sie eine Liste sämtlicher Erhebungsstellen: Website-Formulare (Kontakt, Demo, Checkout), Kunden- und Partnerportale, Buchungssysteme, Support-Tickets, Newsletter- und Webinar-Anmeldungen, Bewerbungsportale sowie Schnittstellen zu Drittsystemen (z. B. Zahlungs- und Versanddienstleister). Halten Sie je Feld fest: Zweck, Rechtsgrundlage, Pflicht/Optional, Speicherort und Downstream-Use (z. B. CRM, Marketing-Automation, Seriendruck).
  2. Zweck- und Rechtsgrundlagen-Mapping
    Ordnen Sie jedes Feld einem konkreten Zweck zu. Prüfen Sie, ob dieser Zweck ohne das Feld erreicht werden kann. Für die meisten Standardprozesse reichen Name, E-Mail, ggf. Rechnungs- oder Lieferadresse. Anrede und Titel sind typischerweise nicht erforderlich. Wo Sie sich auf „berechtigtes Interesse“ stützen, braucht es Transparenz bei Erhebung und eine dokumentierte Interessenabwägung.
  3. Privacy by Design umsetzen
    Nutzen Sie progressive disclosure: Felder erscheinen erst, wenn sie wirklich nötig sind (Telefonnummer nur bei Speditionslieferung, USt-ID nur für den B2B-Rechnungsprozess). Hinterlegen Sie neutrale Platzhalterlogik („Guten Tag, {Vorname} {Nachname}“; fällt {Vorname} aus, nutzen Sie „Guten Tag“). Vermeiden Sie Workarounds wie Pflichtfeld „Anrede“ mit Option „keine Angabe“ – das ist keine Datenminimierung.
  4. Templates & Textbausteine neutralisieren
    Überprüfen Sie E-Mail- und PDF-Vorlagen, Brieflayouts, Seriendrucke und CRM-Snippets. Ersetzen Sie binäre Anreden durch neutrale Formulierungen. Prüfen Sie auch Reports und Exportfunktionen, die bislang eine Anrede erfordern (z. B. „Sehr geehrter Herr“ in Serienbrieferöffnungen).
  5. Datenmodelle & Schnittstellen anpassen
    Passen Sie die Datenmodelle in CRM/ERP so an, dass „Anrede“ nullfähig ist oder entfällt. Entfernen Sie Pflichtvalidierungen, die ohne Anrede fehlschlagen würden. Aktualisieren Sie API-Mappen, ETL-Pipelines und Webhooks, damit nachgelagerte Systeme mit leeren Feldern umgehen können.
  6. Migration & Löschung
    Entscheiden Sie, ob historische Anredewerte weiter benötigt werden. Wenn nicht, planen Sie eine bereinigte Migration: Feld leeren, Attribute archivieren oder löschen, Retention-Regeln dokumentieren. Wichtig: Ableitungen (Segmente „weiblich/männlich“) mitbereinigen.
  7. Qualitätssicherung & Tests
    Führen Sie End-to-End-Tests durch: Formular → CRM → Marketing-Automation → Dokumente. Testen Sie speziell die Fallbacks, wenn Anrede und Vorname fehlen. Prüfen Sie Mehrsprachigkeit, Barrierefreiheit (Tab-Reihenfolge, Labels) und mobiles Verhalten.
  8. Kommunikation & Schulung
    Informieren Sie Vertrieb, Marketing, Support und HR über die Umstellung, inklusive kurzer Handreichung „Pflicht/Optional/Weglassen“. Aktualisieren Sie die Datenschutzhinweise (Art. 13 DSGVO), wenn sich Zwecke oder Kategorien ändern. Schulen Sie insbesondere Personen, die Vorlagen pflegen.

Wenn Sie weitergehende Beratung oder Unterstützung bei der Umsetzung wünschen, kontaktieren Sie uns gerne!

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Hermine Klehm
Hermine Klehm
Veröffentlicht am 2. September 2025

Hermine Klehm ist Content-Managerin mit einem Hintergrund in Deutscher Literatur und Philosophie. Sie verfasst Inhalte für Blogs und Websites. Mit einem feinen Gespür für Sprache und Struktur verbindet sie kreative Textarbeit mit strategischem Content-Marketing.

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